Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz.
Zum Hauptinhalt springen
Bild: privat

Arnold Schölzel

100. Jahrestag des Kieler Matrosenaufstandes und der Novemberrevolution in Deutschland

Bild: privat
Bild: privat

Liebe Genossinnen und Genossen, Liebe Freunde, meine Damen und Herren!

Vor 100 Jahren, am 3. November 1918 begann die Revolution in Deutschland mit dem bewaffneten Aufstand der Matrosen in Kiel. Vier Jahre hatte das Völkermorden angedauert, der erste Weltkrieg der Menschheitsgeschichte. Historiker schätzen, dass acht bis zehn Millionen Soldaten, insgesamt bis zu 17 Millionen Menschen umkamen. Dieser Krieg war ein Resultat imperialistischer Gegensätze, ein Ergebnis des Kampfes um die Neuaufteilung der Welt in Kolonien und Einflusssphären. Für Deutschland hatte der spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow 1897 den Anspruch erhoben, „einen Platz an der Sonne“ zu erhalten. Ein Jahr später eröffneten die USA den ersten klassisch imperialistischen Krieg gegen Spanien, um dessen Kolonien Kuba, Puerto Rico und die Philippinen an sich zu reißen, und annektierten per Senatsbeschluss Hawaii. Seitdem reihte sich ein Kolonialkrieg der Großmächte an den anderen, gingen vor allem die europäischen Mächte mit viehischer Grausamkeit gegen die einheimischen Bevölkerungen vor.

Da waren u. a. der Burenkrieg, der von Seiten des britischen Kolonialherrn und Politikers Cecil Rhodes auf der Jagd nach Diamanten und Gold mit äußerster Brutalität geführt wurde. Er war maßgeblich dafür verantwortlich, daß 120.000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, in Konzentrationslager gesperrt wurden, in denen 20.000 von ihnen umkamen. Die von Rhodes gegründete Diamantengesellschaft De Beers gehört bis heute zu den größten auf der Welt. Und generell: Wer sich anschaut, wem die großen Mineral- und Erzbergwerke Afrikas bis heute gehören, der findet die Besitzer in London, Paris oder New York. Erst 2015 wurde das Rhodes-Denkmal, das vor der Universität von Kapstadt stand, endlich entfernt. Die Einflusssphären von Großbritannien, Frankreich und den USA haben sich bis heute auf dem afrikanischen Kontinent im Wesentlichen erhalten. Erst jetzt ändert sich durch den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas das Bild. Das wiederum ruft auch wieder verstärkt deutsche Aktivitäten auf den Plan.

Bei aller Konkurrenz waren sich die imperialistischen Mächte auch damals einig, wenn es gegen China ging. Sechs europäische Staaten sowie die USA und Japan nahmen den sogenannten Boxeraufstand 1900 zum Vorwand, um eine gemeinsame Strafexpedition zu entsenden. Nationalistischer Größenwahn und die Überzeugung von der Überlegenheit der weißen Rasse bildeten die ideologische Grundlage für diesen Feldzug und alle anderen kolonialen Kriege. Sie sollten durch massenhafte Vernichtung von Menschen Schrecken und Furcht, shock and awe wie es wieder 2003 bei der Bombardierung Bagdads hieß, verbreiten. Beispielhaft war die Rede Kaiser Wilhelms II. bei der Verabschiedung deutsche Truppen nach China am 27. Juli 1900 in Bremerhaven: „Kommt ihr vor den Feind, so wird er geschlagen. Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht. Wer euch in die Hände fällt, sei in eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutschlands in China in einer solchen Weise bekannt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!“. Die Briefe deutscher Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten aus China – in der DDR erschienen Auszüge in einem der lesenswerten illustrierten „Historischen Hefte“ - schildern Grausamkeiten, die, wie wir heute wissen, eine Fortsetzung noch in den Verbrechen der Wehrmacht und der SS im Zweiten Weltkrieg fanden. Das ist weitgehend vergessen. Fast unbekannt blieb im Gegensatz zum Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia, dass die Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstandes im damaligen Deutsch-Ostafrika, einem Gebiet, das doppelt so groß war wie das Kaiserreich, bis zu 300.000 Einheimischen das Leben kostetete.

Das Morden im Namen von Vaterland, Christentum (noch auf den Koppelschlössern der Wehrmacht stand „Gott mit uns“) und Zivilisation war eingeübt, als 1914 der in Berlin sorgfältig vorbereitete Krieg, der zum Weltkrieg werden sollte, entfesselt wurde. Das „Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Brit“, das auch in einigen SPD-Kreisen populär wurde, war durch jahrzehntelange Kolonial- und Kriegspropaganda vorbereitet. Dennoch sollte der heutigen deutschen Öffentlichkeit vor vier Jahren zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns weisgemacht werden, der Krieg sei praktisch ungewollt gewesen, es habe sich bei den damaligen Politikern um „Schlafwandler“ gehandelt. Über Kriegsverursacher und Kriegsursachen wird in Deutschland höchst ungern gesprochen, seitdem sich dieses Land wieder im Krieg befindet und diesmal im Namen von Demokratie, moralischen Werten und Zivilisation von Kosovo 1999 und Afghanistan bis Mali mitbombt, mitschießt und mittötet. Nicht einmal Krieg sollte es bis 2011, bis zum Freiherrn zu Guttenberg heißen, obwohl es sich bei diesen Kriegen wie damals um die Fortsetzung imperialistischer Politik mit anderen Mitteln handelt. Die dazugehörige rassistische Ideologie breitet sich wieder aus – auch eine Folge des Kriegskurses, der „Enttabuisierung des Militärischen“, die Gerhard Schröder 2002 als seine größte Leistung bezeichnete, von CDU/CSU, FDP, SPD und Grünen.

Die Novemberrevolution erbrachte erstmals auf deutschem Boden den Beweis: Die Kette imperialistischer Kriege kann durchbrochen werden. Es bedarf aber entscheidender gesellschaftlicher Umwälzungen, um diese Kette abreißen zu lassen. Das gelang nicht, obwohl die parlamentarische Republik errungen wurde, das Frauenwahlrecht, der Acht-Stunden-Arbeitstag und anderes.

Die Ursachen dafür, daß die Revolution dieses Ziel, den dauerhaften Frieden, das die Volksmassen in diesen Tagen vor 100 Jahren auf die Straßen trieb, nicht erreichte, lagen in der deutschen Konterrevolution. Der Kaiser und seine Generäle hatten mehrfach angekündigt, daß sie die Militärdiktatur mit dem feudalen Mantel „Kaiserreich“, die in Deutschland herrschte, mit brutalster Gewalt erhalten wollten. Im geheimen Zusammenspiel mit der SPD-Führung stellten sie das bei der Niederschlagung der Revolution von Anfang an unter Beweis. Es waren zwar brutale Gewaltmaßnahmen zur Unterdrückung der Meuterei auf den Kriegsschiffen, die vor Wilhelmshaven lagen, die unmittelbar zum Auslöser der Revolution wurden. Aber die Ermordung Zehntausender Arbeiter im Verlauf der nächsten Monate, die Morde an politischen Führern wie Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches, Kurt Eisner, Eugen Leviné und vielen anderen, führten schließlich zum Sieg der Gegenkräfte – auf die halbe Revolution von 1918, so läßt sich sagen, folgte 1933 dann die ganze Konterrevolution.

Die Novemberrevolution war ein Teil der Friedensbewegung, die von der russischen Oktoberrevolution ausgegangen war und weltweit die Völker, vor allem auch die in den Kolonien, in Bewegung gebracht hatte. Die deutsche Revolution wurde die größte Massenbewegung auf diesem Territorium seit den Bauernkriegen 400 Jahre zuvor und sie ist es bis heute geblieben. Karl Liebknecht würdigte in einem Grußschreiben vom 6. November an den in Moskau tagenden Allrussischen Sowjetkongress die historische Bedeutung der russischen Revolution. Er schrieb: „Wir stehen an einem Wendepunkt der Geschichte. Die Revolution ist für die Werktätigen und Unterdrückten aller Völker zum Appell und zum Kampfruf geworden. Die russische Sowjetrepublik wurde zum Banner der kämpfenden Internationale, sie rüttelt die Zurückgebliebenen auf, erfüllt die Schwankenden mit Mut und verzehnfacht die Kraft und Entschlossenheit aller. Verleumdung und Hass umgeben sie. Doch sie erhebt sich hoch über diesen ganzen schmutzigen Strom – ein großartiges Werk voll gigantischer Energie und edelsten Idealen. Eine neue, bessere Welt nimmt ihren Anfang.“ Die Hoffnung Liebknechts mag getrogen haben, die politischen Grundsätze, die hier zum Ausdruck kommen, haben von ihrer Gültigkeit nichts verloren.

Auf sie, auf Internationalismus und Kampf gegen den imperialistischen Krieg, hatten sich Liebknecht und seine Mitstreiter, insbesondere Rosa Luxemburg, lange vor dem Ersten Weltkrieg stets gestützt.

Es war der revolutionäre Marxist und Militärexperte Friedrich Engels gewesen, der 1887 – zehn Jahre vor Bülows „Platz an der Sonne“-Rede – vorhergesehen hatte, was bei einem Krieg der europäischen Mächte passieren würde: „Und endlich ist kein anderer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen.“ (MEW Bd. 21, Seite 350 f). Drei Jahre nach Engels warnte der 90jährige Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke bei einer Rede im Reichstag fast wortgleich: „Meine Herren, wenn der Krieg, der jetzt schon mehr als zehn Jahre lang wie ein Damoklesschwert über unseren Häuptern schwebt - wenn dieser Krieg zum Ausbruch kommt, so ist seine Dauer und ist sein Ende nicht abzusehen."

Wer wollte, konnte wissen, was da auf Deutschland, auf Europa und die Welt zukam. Es waren die Marxisten, die Linken in der SPD – Wilhelm und Karl Liebknecht, August Bebel, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und Franz Mehring -, die die Zeichen der Zeit erkannten. Als Eduard Bernstein 1898 erklärte, Marx habe sich geirrt, der Kapitalismus führe nicht zu Konzentration und Zentralisation des Kapitals, er entwickle sich gleichmäßig, ja friedlich und könne nur reformiert, nicht abgeschafft werden, da begann das Zeitalter der imperialistischen Kriege. Im selben Jahr setzte Rosa Luxemburg auf einem Kongress der Sozialistischen Internationale das Thema auf die Tagesordnung. Sie und Wladimir Iljitsch Lenin waren es maßgeblich, die auf dem Stuttgarter Kongress von 1907 eine verpflichtende Resolution zur Annahme brachten, nach der die sozialdemokratischen Parteien im Kriegsfall zum Kampf gegen den Krieg und zur Revolution aufrufen sollten. Da hatte in der deutschen und in den anderen Parteien Westeuropas der Krebs des Nationalismus aber längst um sich gegriffen – übrigens mit ganz ähnlichen Debatten über Arbeitseinwanderung wie heute. 1914 konspirierte die SPD-Führung schon vor der deutschen Kriegserklärung mit der Reichsführung und übernahm die Lüge von der Vaterlandsverteidigung, die mit chauvinistischer Hetze, mit Jagd auf Ausländer, mit politischer und militärischer Unfähigkeit Hand in Hand ging.

Es dauerte vier unendliche Jahre, es bedurfte des russischen Beispiels, um diesem Höllentanz ein Ende zu machen. Als die Novemberrevolution begann, verfügten die deutschen Linken nicht über eine erfahrene Partei. Sie sahen sich in Gestalt der SPD-Führung zudem einer konterrevolutionären Clique gegenüber, die über Masseneinfluss im ganzen Land verfügte und das gnadenlos ausnutzte. Erst mit der Gründung der KPD entstand eine Partei, die den imperialistischen Krieg und seine Ursachen konsequent bekämpfte und sich – bei allen Irrtümern und Fehlern - letztlich immer wieder für die Einheit der Arbeiterbewegung einsetzte. Das geschah um den Preis ungezählter ermordeter Opfer, davon allein unter dem deutschen Faschismus etwa 150.000, um den Preis von Zuchthaus in der Weimarer Republik, KZ im Nazireich und dem immer noch gültigen Verbot der KPD von 1956 in diesem Staat.

Denn der Kaiser ging und es blieben nicht nur die Generäle, sondern auch die Krupp, Stinnes, Röchling, AEG, Siemens etc., es blieb die Heerschar von Professoren und von Journalisten, die 1914 komplett den Krieg bejubelt hatte und nun das Gift der Revanche in die Jugend trug. Erneut gelang es, wie vor dem Weltkrieg, in der Bevölkerung eine Bereitschaft für ein neues Kriegsabenteuer wachzuhalten. Sie blieben, so läßt sich sagen, im westlichen Teil Deutschlands auch nach 1945. Aber es gab und gibt eine entscheidende Veränderung gegenüber der Zeit vor 1914 und der Zeit vor 1939: Begeisterung für Krieg läßt sich auch 73 Jahre nach 1945 in diesem Land nicht erzeugen. Obwohl dieser Staat, wie der Spiegel-Gründer Rudolf Augstein 1961 schrieb, für den Krieg gegründet worden war: „Die neue deutsche Armee wurde nicht gegründet, um den Bonner Staat zu schützen, sondern der neue Staat wurde gegründet, um eine Armee gegen die Sowjets ins Feld zu stellen.“

Was lehrt die Novemberrevolution heute?

Erstens: Es ist möglich, die gigantische Staats- und Militärmaschinerie eines der stärksten imperialistischen Länder der Welt durch einen Volksaufstand zu lähmen. Um sie zu zerbrechen, bedarf es aber langer Erfahrung und einer Organisation mit Masseneinfluss.

Zweitens: Wird diese Maschinerie nicht auf andere Grundlagen gestellt, sprich: sozialistische Eigentumsverhältnisse, dann wird die Kriegskette nur kurz unterbrochen. Den Beleg dafür lieferten auf ihre Weise die DDR, ihr Militär und ihre Sicherheitsorgane. Vierzig Jahre lang ging von deutschem Boden kein Krieg aus – ein Glücksfall der deutschen Geschichte. Den Beleg liefert auf andere Weise auch die heutige deutsche Regierungspolitik. Denn seit 1990 geht von deutschem Boden wieder Krieg aus, US- und NATO-Kriege unter deutscher Beteiligung, – entgegen dem, was vertraglich vereinbart wurde. Die Kette vom „Begrüßungskrieg“, wie ihn der Dichter Volker Braun nannte, 1991 der USA und Großbritanniens im Irak bis zur völkerrechtswidrigen deutschen Beteiligung am Syrischen Krieg, die Beteiligung an der Einkreisung Russlands von Afghanistan bis Nordnorwegen und bis zu den baltischen Staaten, die Rüstungssteigerungen und Rüstungsexporte in Kriegsgebiete wie im Fall Jemen und dem gesamten Mittleren und Nahen Osten – all das besagt: Die hierzulande Herrschenden haben nichts gelernt und nichts vergessen. Sie stopfen unermüdlich das Pulverfass voll, das die Menschheit in die Luft sprengen kann. Von Entspannungspolitik, von Ausgleich und Dialog ist nirgendwo die Rede. Der Aufmarsch gegen Russland mit willfährigen Vasallenstaaten der USA wird aggressiv vorangetrieben.

Die Ära neuer Kriege, Kriege um die Neuaufteilung der Welt, begann 20 Jahre vor der Novemberrevolution. Die jüngste Kriegsära dauert nun bereits 28 Jahre. Wir stehen in der Pflicht zu verhindern, dass aus den neokolonialen Feldzügen des Westens ein Flächenbrand entsteht, vor dem nicht wenige Politiker und Militärs gegenwärtig immer wieder warnen. Der RotFuchs, Die Linke, die DKP und ich denke, alle linken Kräfte in Deutschland, unterstützen daher Initiativen wie „Abrüsten statt aufrüsten“ und „Kein Krieg gegen Russland“. Das gehört zur Erfüllung des Vermächtnisses derjenigen, die vor 100 Jahren im November die Kriegsherren zum Teufel jagten.

 

Rede von Arnold Schölzel (Jahrgang 1947, Dr. phil., Philosoph, von 2000 bis 2016 Chefredakteur der "jungen Welt", seitdem stellvertretender Chefredakteur)

 


Gedanken über die Welt, in der unsere Nachkommen leben werden

Die Sammlung der Gedanken vom Juni 2018 kann hier heruntergeladen werden. Die Autoren freunen sich wie immer über Feedback und Kommentare


Standpunkte zur sicherheitspolitische Lage (Stand  2017)

Der Diskussionszirkel Friedenspolitik hat ein Standpunktepapier zur internationalen sicherheitspolitischen Lage erstellt, das hier heruntergeladen werden kann. Es wird zu gegebenen Anlässen aktualisiert. Die Autoren freuen sich über Feedback und Kommentare.